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kademische Ausbildung für Sozialarbeiter:innen
in der postmigrantischen Gesellschaft
Die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes in der Ausbildung für die Soziale Arbeit in pluralen Gesellschaften
Ragip Gökcel, PhD | Wien, 17. März 2026
Abstract (Deutsch)
Die demografische Realität Deutschlands, in der heute mehr als 29 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund aufweisen, konfrontiert die Disziplin der Sozialen Arbeit mit einer strukturellen Krise. In der vorliegenden Abhandlung wird, basierend auf den soziologischen Paradigmen von Bourdieu, Putnam, Allport und Göle, die gegenwärtige akademische Ausbildung in den Bereichen Migration, Integration und Radikalisierungsprävention analysiert und auf ihre Defizite untersucht. Eine curriculare Analyse von 30 deutschen Hochschulen zeigt, dass die religiöse und kulturelle Alphabetisierung von Migranten-Communities sowie deren spezifische Kommunikationscodes im aktuellen System weitgehend ignoriert werden. Die vorliegende Studie zeigt die dringende akademische und gesellschaftliche Notwendigkeit eines völlig neuen, strukturell integrierten B.A.-Profils der „Sozialen Arbeit“ auf. In diesem sollen kulturelle/religiöse Pluralität, vielschichtige Kommunikationsmodelle und Krisenmanagement im Mittelpunkt stehen.
Abstract (English)
Germany’s demographic reality, in which more than 29% of the population today has a migrant background, presents the discipline of social work with a structural crisis. In this paper, drawing on the sociological paradigms of Bourdieu, Putnam, Allport and Göle, the current academic training in the fields of migration, integration and the prevention of radicalisation is analysed and examined for its shortcomings. A curriculum analysis of 30 German universities shows that the religious and cultural literacy of migrant communities, as well as their specific codes of communication, are largely ignored in the current system. This study highlights the urgent academic and societal need for a completely new, structurally integrated B.A. programme in ‘Social Work’. This programme should focus on cultural and religious plurality, multi-layered communication models and crisis management.
Schlagwörter:Soziale Arbeit, Postmigrantische Gesellschaft, Kulturelle und religiöse Alphabetisierung, Interkulturelle Kommunikation, Radikalisierungsprävention.
1. Einleitung: Gesellschaftliche Realität und akademischer Bedarf
Die Bundesrepublik Deutschland hat den Status eines bloßen „Einwanderungslandes“ längst überschritten und befindet sich in einer tiefgreifend diversifizierten, postmigrantischen Phase. Aktuelle Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) belegen, dass soziale Konflikte, Integrationsbarrieren und Exklusion in multikulturellen urbanen Räumen eine zunehmende Komplexität aufweisen. Die Ausbildung von Sozialarbeiter:innen, die in diese Komplexität intervenieren sollen, basiert jedoch weiterhin weitgehend auf der Annahme einer säkularen, individualistischen und homogenen „westlichen/deutschen“ Mehrheitsgesellschaft. Diese Diskrepanz resultiert in einer potenziell gefährlichen Situation, die eine deutliche Divergenz zwischen der sozialarbeiterischen Praxis und der Realität vor Ort verdeutlicht.
Grafik 1:Demografischer Wandel und Fachkräftelücke in der Sozialen Arbeit. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an BAMF (2024).
2. Theoretische Fundierung
Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung soll der Frage nachgegangen werden, aus welchen Gründen ein neues Profil erforderlich ist. Zu diesem Zweck ist zunächst eine theoretische Fundierung vorzunehmen. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Fragestellung, welche Faktoren dazu führen, dass das bestehende Bildungssystem an seine Grenzen stößt. Zu diesem Zweck werden vier zentrale soziologische Paradigmen herangezogen, die das Phänomen veranschaulichen sollen.
1. Bourdieu und das Defizit an „Sozialkapital“:Das vorliegende Defizit an ökonomischem und kulturellem Kapital bei benachteiligten Migrantengruppen kann nur durch den Erwerb von „Sozialkapital“ (Netzwerke und Beziehungen) kompensiert werden. In vielen klassischen Curricula werden Kompetenzen zum strategischen Aufbau migrationsbezogener Netzwerke bislang nur begrenzt vermittelt.
2. Putnam und die „Bridging“-Rolle:Obgleich Migranten häufig ein starkes „Bonding“ (bindungsschaffendes Sozialkapital) innerhalb ihrer eigenen Gruppe entwickeln, um zu überleben, besteht das Risiko der Ghettoisierung und Radikalisierung, wenn das „Bridging“ (brückenschlagendes Sozialkapital) zur Aufnahmegesellschaft ausbleibt. Sozialarbeiter:innen können in diesem Kontext eine zentrale Brückenfunktion übernehmen.
3. Allports „Kontakthypothese“ in der Praxis:Gemäß Allport ist zur Überwindung von Vorurteilen die Schaffung von „Kontaktzonen“ erforderlich, die auf der Basis eines gleichen Status beruhen und kontrolliert etabliert werden. Diese Kompetenzen sind bislang nicht systematisch Bestandteil vieler Ausbildungsgänge.
4. Göle und die „Sichtbarkeit im öffentlichen Raum“:Nach Göle ist die physische und kulturelle Sichtbarkeit von Migranten (insbesondere europäischer Muslime) – wie religiöse Symbole, Gebäusenhäuser oder Lebensstile – kann auch als Ausdruck einer Neuverhandlung des öffentlichen Raums interpretiert werden. Für die Durchführung solcher Aushandlungsprozesse ist eine professionelle Moderation erforderlich.
Grafik 2:Theoretisches Rückgrat der Sozialen Arbeit: Synergie von Sozialkapital und Kontakthypothese. Quelle: Eigene Darstellung nach Bourdieu (1986), Putnam (2000) und Allport (1954). Die Darstellung dient als heuristisches Modell und erhebt keinen Anspruch auf eine vollständige theoretische Systematisierung.
Die Abbildung veranschaulicht zentrale theoretische Ansätze zur Analyse sozialer Integration in Migrationsgesellschaften. Die Venn-Darstellung verbindet drei zentrale Mechanismen: soziale Netzwerke und Ressourcen (Bourdieu), gesellschaftliche Brückenbildung zwischen Gruppen (Putnam) sowie den Abbau von Vorurteilen durch strukturierte Kontaktzonen (Allport). In ihrer Überschneidung entsteht ein Handlungsfeld sozialarbeiterischer Praxis im Kontext von Migration und Diversität. Ergänzend verweist die Perspektive von Göle auf die Bedeutung der öffentlichen Sichtbarkeit kultureller und religiöser Differenzen sowie auf die Notwendigkeit professionell moderierter Aushandlungsprozesse im öffentlichen Raum.
3. Die Kommunikationskluft: Kulturelle und Religiöse Alphabetisierung
Die Diskrepanz der „Bedeutungskarten“ zwischen Berater:in und Klient:in veranschaulicht die akademische Krise in besonders deutlicher Weise. Die spezifischen Kommunikationsmerkmale von Bevölkerungsgruppen aus dem Nahen Osten, Nordafrika, dem Balkan oder Osteuropa werden in den gängigen Lehrplänen nicht berücksichtigt.
• Edward T. Hall – Kommunikationskontext:Die deutsche Ausbildung zielt auf „Low-Context-Kommunikation“ ab, bei der die Kommunikation direkt, explizit und regelbasiert erfolgt. Die Mehrheit der Migrantengruppen stammt jedoch aus „High-Context-Kulturen“. Die Kommunikation ist indirekt, stark nonverbal geprägt, ein direktes „Nein“ gilt als unhöflich, und das Lesen „zwischen den Zeilen“ ist essenziell. In der praktischen Anwendung wird dieser Gegensatz oftmals fälschlicherweise als „Widerstand“ oder „mangelnde Kooperation“ diagnostiziert.
• Geert Hofstede – Machtdistanz (Power Distance):Die deutsche Soziale Arbeit fokussiert sich in hohem Maße auf die Konzepte des „Empowerments“, der Partizipation sowie einer Kommunikation „auf Augenhöhe“ (geringe Machtdistanz). Eine Vielzahl von Migrantengruppen hat ihren Ursprung in Gesellschaften, die durch eine ausgeprägte Machtdistanz charakterisiert sind. Das Erarbeiten von Lösungen im partnerschaftlichen Dialog wird von ihnen häufig als Inkompetenz oder Schwäche der Fachkraft interpretiert, da sie klare Direktiven und hierarchische Führung erwarten.
• Kollektivismus vs. Individualismus:In der westlichen Sozialen Arbeit wird die „Individualisierung“ des Einzelnen, insbesondere von Kindern und Frauen, als Zielsetzung formuliert. Demgegenüber stehen kollektivistische Familienstrukturen, die eine andere Autoritätswahrnehmung bedingen. In einer Vielzahl von Migrationsgesellschaften bilden die (Groß-)Familie, die kollektive Ehre sowie der Respekt vor Älteren den zentralen Fokus von Entscheidungsprozessen.
• Religiöse Alphabetisierung und Traumawahrnehmung:Sofern Sozialarbeiter:innen die Paradigmen des Islam, der Orthodoxie oder anderer Glaubenssysteme nicht kennen, entsteht eine signifikante Vertrauensbarriere. Der Glaube an das Schicksal als „Coping-Mechanismus“ (Traumabewältigung), die Halal/Haram-Vorschriften sowie die psychosozialen Effekte von Fastenzeiten sind alltägliche Feldrealitäten, die sich nicht in Curricula wiederfinden lassen.
Grafik 3:Kontrastive Kommunikationsmodelle in der postmigrantischen Beratung. Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Hall (1976) und Hofstede (2001).
Die Abbildung stellt zentrale kulturelle Kommunikationsdimensionen dar, die in der sozialarbeiterischen Praxis mit Klient:innen aus unterschiedlichen Migrationskontexten relevant sein können. Aufbauend auf den kulturvergleichenden Ansätzen von Edward T. Hall (Kommunikationskontext) und Geert Hofstede (Machtdistanz) veranschaulicht die Darstellung mögliche Differenzen zwischen direkt-expliziten Kommunikationsformen mit geringer Machtdistanz und stärker kontextorientierten, hierarchisch geprägten Kommunikationsmustern. Diese Unterschiede können in der Beratungspraxis zu Missverständnissen führen, wenn unterschiedliche kulturelle Erwartungshorizonte, familienzentrierte Entscheidungsstrukturen oder religiös geprägte Coping-Strategien nicht berücksichtigt werden. Die Abbildung dient als heuristisches Modell zur Sensibilisierung für interkulturelle Kommunikationsdynamiken in der Sozialen Arbeit.
4. Empirische Evidenz: Die Defizite gegenwärtiger Curricula
Eine Analyse der Studiengänge „Soziale Arbeit B.A.“ an 30 Universitäten und Fachhochschulen (z. B. TH Köln, HAW Hamburg, ASH Berlin, FH Münster) über die Hochschulkompass-Datenbank liefert ein eindeutiges Bild:
• In 85 % der Fälle werden die Module zu den Themen Migration, Integration und „Interkulturelle Kommunikation“ lediglich im Wahlpflichtbereich oder als Einzelmodule angeboten.
• Es ist festzustellen, dass religionssensibles Konfliktmanagement oder Radikalisierungsprävention in nahezu keinem Basiscurriculum als Pflichtfach vorgesehen sind.
• Die vorliegende Ausbildung zeigt eine deutliche Tendenz, sich vornehmlich an monokulturellen, lokalen Normen zu orientieren, anstatt die Realität einer pluralistischen Gesellschaft adäquat zu reflektieren.
5. Lösungsvorschlag: Curriculare Implikationen für die Ausbildung in pluralen Gesellschaften
Vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Diversität stellen sich neue Anforderungen an die Ausbildung in der Sozialen Arbeit. In der Fachliteratur wird daher verstärkt diskutiert, inwiefern bestehende Studienprofile um spezifische Kompetenzen im Umgang mit kultureller, religiöser und sozialer Pluralität erweitert werden sollten. Im Folgenden werden exemplarisch Kompetenzbereiche skizziert, die in einem erweiterten Studienprofil berücksichtigt werden könnten.
· Religions- und kultursensible Kompetenzen in der Sozialen Arbeit:Vermittlung grundlegender Kenntnisse über religionsbezogene Lebenswelten, kulturelle Orientierungen und familienbezogene Entscheidungsstrukturen in pluralen Gesellschaften. Ziel ist die Entwicklung religions- und kultursensibler Handlungskompetenzen, die Sozialarbeiter:innen befähigen, unterschiedliche normative Deutungsrahmen sowie religiös geprägte Alltagspraktiken in der professionellen Beratung angemessen zu berücksichtigen. Dabei werden insbesondere kultursoziologische und kommunikationstheoretische Ansätze berücksichtigt, die unterschiedliche Bedeutungs- und Kommunikationssysteme in pluralen Gesellschaften analysieren.
· Interkulturelle Kommunikation und Konfliktmediation:Theoretische und praktische Grundlagen interkultureller Kommunikation sowie Kompetenzen in der Moderation und Mediation sozialer Konflikte in pluralen Lebensräumen. Aufbauend auf kommunikationstheoretischen Ansätzen, insbesondere den Kontextmodellen von Edward T. Hall, werden unterschiedliche Kommunikationsstile, implizite und explizite Bedeutungssysteme sowie verbale und nonverbale Ausdrucksformen berücksichtigt. Ziel ist die Entwicklung professioneller Handlungskompetenzen zur Analyse interkultureller Missverständnisse sowie zur Moderation von Kommunikations- und Konfliktprozessen in heterogenen sozialen Kontexten.
· Radikalisierungsprävention und Extremismusprävention:Sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Grundlagen der Radikalisierungs- und Extremismusprävention im Kontext pluraler Gesellschaften. Berücksichtigt werden insbesondere Dynamiken von Identitätskonflikten, sozialen Marginalisierungserfahrungen sowie gruppenbezogenen Polarisierungsprozessen. Ziel ist die Entwicklung professioneller Handlungskompetenzen zur frühzeitigen Erkennung von Radikalisierungstendenzen sowie zur Gestaltung präventiver sozialarbeiterischer Interventionen in Jugend- und Gemeinwesenarbeit. Dabei werden auch sozialpsychologische Ansätze zur Vorurteilsreduktion und zur Gestaltung konstruktiver intergruppaler Kontakte berücksichtigt, wie sie etwa in der Kontakthypothese von Gordon Allport formuliert wurden.
· Migrationsrechtliche Grundlagen und Integrationsmanagement:Grundlagen migrationsrechtlicher Rahmenbedingungen sowie Kompetenzen im interinstitutionellen Case Management im Kontext von Migration und Integration. Berücksichtigt werden rechtliche und institutionelle Strukturen des deutschen Migrations- und Integrationssystems sowie Formen der Kooperation zwischen staatlichen Institutionen, kommunalen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Ziel ist die Entwicklung professioneller Handlungskompetenzen zur Koordination komplexer Unterstützungsprozesse in migrationsbezogenen Beratungskontexten.
Die zunehmende gesellschaftliche Diversität stellt neue Anforderungen an professionelle Handlungskompetenzen in der Sozialen Arbeit. Anstelle einer ausschließlich integrationsorientierten Perspektive wird Migration zunehmend als komplexer sozialer Aushandlungsprozess in pluralen Gesellschaften verstanden. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, Studienprofile der Sozialen Arbeit um spezifische Kompetenzen im Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt, interkultureller Kommunikation sowie migrationsbezogenen Konflikt- und Präventionsdynamiken zu erweitern. Die theoretischen Ansätze von Pierre Bourdieu, Robert D. Putnam, Gordon Allport und Edward T. Hall bieten hierfür einen analytischen Rahmen, der in die curriculare Weiterentwicklung sozialarbeiterischer Ausbildungsprogramme integriert werden kann.
Literaturverzeichnis (Auswahl)
• Allport, G. W. (1954). The Nature of Prejudice.Addison-Wesley.
• BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. (2024). Integrationsbericht: Migration und Integration in Deutschland. Nürnberg: BAMF-Forschungszentrum.
• Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In J. Richardson (Ed.), Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education (pp. 241–258).Greenwood.
• Göle, N. (2015). Europäischer Islam: Muslime im Alltag. Verlag Klaus Wagenbach.
• Hall, E. T. (1976). Beyond Culture.Anchor Books.
• Hofstede, G. (2001). Culture’s Consequences: Comparing Values, Behaviors, Institutions, and Organizations Across Nations (2nd ed.).Sage Publications.
• Hofstede, G. (2011). Dimensionalizing Cultures: The Hofstede Model in Context.Online Readings in Psychology and Culture, 2(1).
• Putnam, R. D. (2000). Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community.Simon & Schuster.