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Islamischer Religionsunterricht: Identität allein reicht nicht aus
Prof. Dr. Ayhan Tekineş ehem. Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften, Beder-Universität, Tirana
Die Debatte über den islamischen Religionsunterricht wird in Deutschland häufig defensiv geführt. Zuletzt hat Reiner Burger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Studien verwiesen, wonach islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen – etwa in Nordrhein-Westfalen – von vielen Schülerinnen und Schülern als lebensnah empfunden wird, religiöse Identität stabilisieren kann und extremistischen Deutungen partiell entgegenwirkt. Diese Befunde sind wichtig. Sie beantworten jedoch nur einen Teil der eigentlichen Frage. Denn Religionsunterricht, der sich auf Identitätsstärkung beschränkt, greift in einer pluralen Gesellschaft zu kurz.
Vom geschützten Raum zum akademischen Diskurs
Spätestens mit der Institutionalisierung islamischer Theologie an Universitäten verschiebt sich der Fokus religiöser Bildung grundlegend. Religion verlässt den geschützten Raum der Gemeinde und tritt in einen akademischen Kontext ein, in dem sie sich der Begegnung mit anderen Religionen, säkularen Weltanschauungen und wissenschaftlichen Disziplinen stellen muss. Damit verändert sich nicht nur der Ort, sondern auch der Anspruch religiöser Bildung.
Die zentrale Frage lautet nicht mehr allein: Wer bin ich als religiöses Subjekt? Sie lautet vielmehr: Wie kann religiöse Überzeugung in einer pluralen, demokratischen Gesellschaft sprachfähig bleiben?
Dialog statt Dogma
Ein dialog- und vergleichsorientierter Religionsunterricht setzt genau hier an. Er verabschiedet sich von der Vorstellung, Religion bestehe primär aus der Vermittlung innerdogmatischer Gewissheiten. Stattdessen versteht er religiöses Lernen als Prozess der Auseinandersetzung: mit innerreligiöser Vielfalt, mit anderen religiösen Traditionen und mit säkularen Normen wie Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Das Ziel ist nicht Relativismus, sondern Reflexionsfähigkeit.
Diese Perspektive ist gerade für den islamischen Religionsunterricht entscheidend. Ein Unterricht, der den Islam ausschließlich als geschlossene Identitätsform präsentiert, läuft Gefahr, genau jene Abgrenzungslogiken zu reproduzieren, die gesellschaftliche Polarisierung befördern. Wer jungen Menschen vermittelt, religiöse Wahrheit sei vor allem ein Besitz, den es gegen andere zu verteidigen gelte, stärkt nicht Resilienz, sondern Abschottung.
Religionsbildung im digitalen Zeitalter
In einer Zeit, in der religiöse Deutungen zunehmend über soziale Medien vermittelt werden, kommt diesem Ansatz eine zusätzliche Bedeutung zu. Kurze Videos, zugespitzte Parolen und algorithmisch verstärkte Empörung prägen den religiösen Alltag vieler junger Menschen stärker als Predigt oder Unterricht.
Ein dialog- und vergleichsorientierter Religionsunterricht setzt hier nicht auf Verbote oder moralische Appelle, sondern auf Analysefähigkeit. Er vermittelt ein Bewusstsein für die historische und soziale Bedingtheit religiöser Sprache, macht konfessionelle Unterschiede sichtbar und stärkt die Fähigkeit, religiös legitimierte Gewalt oder die Infragestellung grundlegender Rechte argumentativ zurückzuweisen.
Dialogorientierter Religionsunterricht ist weniger ein pädagogisches Wohlfühlprojekt als vielmehr ein politisch relevantes Bildungsangebot. Er wirkt präventiv, weil er einfache Freund-Feind-Schemata unterläuft. Er ist unbequem, weil er Eindeutigkeiten infrage stellt. Und gerade darin liegt seine Stärke.
Wissenschaftliche Einbettung als Schlüssel
Die wissenschaftliche Einbettung islamischer Theologie verstärkt diesen Effekt. Im Austausch mit Sozial-, Rechts- und Kommunikationswissenschaften verändert sich auch die religiöse Sprache selbst. Klassische Rechtslehren werden im Licht moderner Menschenrechte neu gelesen, Koran und Sunna historisch kontextualisiert, religiöse Normen mit den Bedingungen eines demokratischen Rechtsstaates vermittelt.
Religion erscheint so nicht mehr als Gegenmodell zur säkularen Ordnung, sondern als moralische Ressource innerhalb dieser Ordnung. Für muslimische Minderheiten in Europa ist dies von zentraler Bedeutung: Es eröffnet einen Weg, religiöse Identität zu bewahren, ohne sie in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft zu definieren.
Praxisbeispiel: Die Beder-Universität in Tirana
Wie konkret ein solcher Ansatz wirken kann, zeigt das Beispiel der Beder-Universität in Tirana. Dort ist islamische Theologie Teil eines multidisziplinären und multikulturellen Hochschulraums. Studierende der Theologie teilen Lehrveranstaltungen, Bibliothek und Campus mit Studierenden der Rechts-, Kommunikations- und Sprachwissenschaften.
Religion wird hier nicht isoliert gelehrt, sondern im Alltag akademischer Zusammenarbeit erprobt. Der „Andere" bleibt keine abstrakte Figur, sondern wird zur realen Person im Seminar, in Projekten und in studentischen Initiativen. Diese Erfahrung ist oft wirksamer als jede didaktische Belehrung.
Hinzu kommt die institutionelle Dimension: Wo Studierende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam in Gremien Verantwortung übernehmen, demokratische Entscheidungsprozesse erleben und eine plural zusammengesetzte Lehrerschaft erfahren, wird Religionsunterricht Teil einer gelebten politischen Kultur.
Ein Scheideweg – und eine Chance
Der islamische Religionsunterricht steht an einem Scheideweg. Er kann sich auf Identitätsstärkung beschränken – und riskiert, gesellschaftliche Gräben unbeabsichtigt zu vertiefen. Oder er versteht sich als dialogische, vergleichende und akademisch verankerte Religionsbildung.
Im zweiten Fall wird er nicht zum Problem, sondern zur Chance: für religiöse Mündigkeit, für demokratische Resilienz und für eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern produktiv nutzt.